Wie sich ein Yogaretreat anfühlt

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Der eine sagt 20:04 Uhr, der andere 20:16 Uhr. Und ich? Ich bin mir noch nicht ganz sicher. Vielleicht 19:54 Uhr? Ein beseeltes Kopfnicken und dann folgt Stille. Niemand redet. Nur ganz leise läuft die Musikbox und hüllt uns in einen Mantel aus träumerischen Klängen und warmem Sonnenlicht. Es ist einer dieser Abende, an dem man die Zufriedenheit in jeder Zelle spürt. An dem man einfach nur da sitzt und das macht, was so viele Meditationslehrer predigen: Man genießt den Moment. Es ist als wäre man völlig breit und das Leben ein Liebesfilm. Wenn ich heute, einige Wochen nach diesem Abend, darüber nachdenke, war ich wohl Julia Roberts und Eat, Pray, Love der Titel meiner Reise. Zumindest was das Good-Vibe-Level angeht. Denn ich stecke weder in einer Lebenskrise, noch habe ich eine gescheitere Beziehung hinter mir. Ich bin glücklich – und hab es in dem Moment begriffen.

CBD-Öl oder doch Meditation?

Es ist der Moment, an dem die Zweifel und all die Arbeit von mir abfallen. Es ist der Moment kurz vor meinem ersten Yogaretreat.

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Im Herbst 2018 hatte ich zum ersten Mal den Gedanken, eine Woche Auszeit mit Yoga, Meditation und viel Entspannung anzubieten. Für mich klingt das su ziemlich nach dem perfekten Urlaub, um mal wieder den Resetknopf zu drücken – oder zumindest den für Pause. Also erzählte ich Nadja von der Idee, dem Hotel in Griechenland und meiner Marke, die sich schon längst im Kopf gebildet hatte: „Servus, Shiva!“. Sie sagte spontan zu und stand schon vor meiner Tür in Berlin – bereits fürs Ungewisse, mit viel Energie und der gleichen kreativen Planlosigkeit wie ich und so viel Leidenschaft für eine Sache: Yoga. Wir überlegten uns ein Konzept und legten los. Dutzende Mails mit Leuten, die fast genauso Lust drauf hatten wie wir, etliche Gespräche mit Freunden, etliche Telefonate mit dem Hotel und so so viele Gedanken. In der Zeit haben mein Affenhirn und ich uns täglich begrüßt, ich habe es verflucht und wieder wegmeditiert. Schließlich sollte ich ja meiner Arbeit als Journalistin nachgehen und nebenbei noch Yoga unterrichten. Ganz egal das alles. Zumindest seit dem Abend, der alles destillierte und zu einem duftenden, ätherischen Entspannungsöl formte. Was ist dieses CBD wenn du Glücksmomente haben kannst? 

Einige Tage später saßen wir am gleichen Ort.

Die Kommune und ich

19:46 Uhr. Nein, 20:19 Uhr. Ganz sicher 20 Uhr. Oder doch 20:10 Uhr? Diesmal gingen mehrere Vorschläge ein. Diesmal waren da auch noch mehr Menschen. Es ist Halbzeit unseres Retreats. Die fühlt sich eher an wie ein Höhepunkt. Zwölf Teilnehmer und Teilnehmerinnen, Tiger, Nadja und ich teilen den Moment noch einmal, den wir im kleinen Kreis kurz vor dem Retreat erlebt hatten. Alles fühlt sich richtig an. Fast wie der Sommerausflug einer großen Kommune mit Flower-Power und gebräunter Haut.

Du kannst das nicht und so

Ich hatte zu keinem Zeitpunkt das Gefühl, dass unser Konzept nicht funktionieren würde. Klar, gab es da diese Stimmen: Retreats? Das machen doch nur Yogis, die seit 50 Jahren im Business sind. Du bist zu unerfahren dafür! Du bist zu jung! Du bist zu naiv! Du kannst das nicht! Diese Stimmen tauchen immer mal wieder auf – und ich glaube, jeder kennt sie. Sie sagen: Du kannst das nicht. Du sollst das nicht. Du darfst das nicht. Es war Tiger (Sidenote: Christian), der mich mit wenigen Worten, viel Liebe und dem nötigen „Du und deine Zweifel – ihr spinnt doch“ zurück holte in die Positivität. Und es war immer die Überzeugung: Das Konzept und unsere Leidenschaft dahinter sind so so (auf)richtig – es ist genau richtig!

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Deeptalk und Urlaubsvibes

Diejenigen, die diesen Text schon viel früher weggeklickt haben, dachten sich vielleicht: „Hä? Warum machtn die da son Ding draus?“ Ganz einfach: Weil einem doch die Momente, die man zum ersten mal erlebt, auf die man hinarbeitet, die man anzweifelt, die man weiterentwickelt und dann doch zelebriert, am meisten auch über sich selbst verraten. Mir bzw. uns war von Anfang an wichtig, dass das Retreat für viele Menschen bezahlbar und zugänglich wird. Dass wir die Yoga-Urlaubsvibes teilen können. Ein Bestandteil meiner Yogastunden ist (fast) immer, miteinfließen zu lassen, was ich gerade erlebe. Deshalb gab es bereits Star-Wars-Stunden, König-der-Löwen-Stunden, Berlin-Hustle-Stunden, Natur-Stunden und so weiter. Im Yoga geht’s ums Teilen und Teilhaben. Wir sprechen über Gefühle – warum also nicht mal ein bisschen Deeptalk über Yogaevents, anstatt nur die Konsum-Maschinerie an- und stumpfe Trends reinzuwerfen?

Kopfüber – ohne dabei gewesen zu sein

Ich könnte hier die Programmpunkte aufzählen und ihr könntet euch denken: Toll!

Ich könnte ausschließlich die Bilder zeigen und ihr könntet euch denken: Ui!

Aber ist nicht eh so ziemlich Alles schon ziemlich oberflächlich? Ein Klick, ein Like – und weiter geht’s. Ist es nicht cool, dass man den Körper und den Geist – auch wenn man nicht dabei gewesen ist – an Orte beamen kann? Man kann mitfühlen, ohne das Sonnenlicht gesehen zu haben, das genau im richtigen Moment morgens über den Hügel schlüpft, wenn die Vinyasastunde beginnt.

Oder versetzt euch hier mal rein:
Für die meisten sind der Kopf- oder Handstand die Königsasanas im Yoga. Ich liebe beide Balance-Haltungen. Man vergisst die Welt für einen Moment, übt sich in Konzentration und Disziplin. Und vor allem im Handstand sollte die Verbissenheit einer Easyness im Kopf weichen, sonst kippt man sowieso raus. Zu sehr gewollt, ist auch knapp vorbei. Aber der Moment ist unbezahlbar, wenn einem alles egal ist, wenn sich das Affenhirn verabschiedet und du auch nur zwei Sekunden kopfüber stehst. Am liebsten hätte ich alle gleichzeitig umarmt an diesem Freitagnachmittag im heißen Yogashala am Meer. Die Fenster weit aufgerissen, um wenigstens ein bisschen Meeresbrise abzubekommen. Der Körper sehnt sich nach der Luftmatratze im Wasser, der Magen verdaut noch den griechischen Salat und das, was da durch den Raum wabert, ist nicht der Duft der Räucherstäbchen, sondern der Knoblauch im Zatziki vom Mittagessen. Aber alle sind gut drauf und strahlen sich die Erschöpfung aus dem Gesicht. Ich möchte Gruppenkuscheln und allen sagen: „Aldder. Geil. Du hast gerade deinen ersten Handstand gemeistert.“ Ich liebe diese Momente, wenn man ohne etwas zu sagen oder zu tun, spürt, dass alles passt, so wie es ist. Die Momente, wenn die Freude durch den Raum schwebt – Hand in Hand mit Freund Knoblauch.

Liebeserklärung

Ach, Yoga. Ich hab dich so so gern. Dich und deine schönen Menschen. Die egal, wie verschwitzt oder verschlafen sie äußerlich aussehen, immer noch strahlen und glitzern, ohne die Mundwinkel zu bewegen. Der Yogaglow und so.

Es 19:55 Uhr. Ich atme aus. Meine Finger sind kalt vom kühlen Bier in meiner Hand. Ich blicke nach links. Beseelte Blicke Richtung Horizont. Ich blicke nach rechts. Beseelte Blicke Richtung Horizont. Ich grinse. Mein Zynismus klopft an und denkt an die Irrenanstalt, aus der wir ausgebrochen sind – wir, die debil Lächelnden. Ich grinse und blicke beseelt Richtung Horizont. Die organgefarbene Scheibe strahlt so hell, als würde sie sagen wollen: Es ist vollkommen richtig, auch den 7467. Sonnenuntergang zu genießen. That view never gets old! Es ist 19:57 Uhr. Jetzt verschwindet sie und wir wachen auf wie Werwölfe in Trance. Wer die Wette gewonnen hat? Keine Ahnung.