„Im Savasana hab' ich geheult wie ein Hund“

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Susanne Schramke

Susanne Schramke

Susanne Schramke

Berlin zeigt sich an diesem Tag wie immer: arschkalt, dreckig-grau und die Leute auf der Straße sind mittelmäßig gelaunt. Und doch findet Fotografin Susanne Schramke mit ihrer Kamera die Momente, an denen der trübe Tag, sein verrücktes und sonniges Gesicht zeigt. Ganz spontan haben wir uns zum Interview verabredet. Wir haben uns noch nie zuvor gesehen, ich kenne lediglich ihre Bilder von Yogis oder Tänzern. Fotografen rücken Menschen ins rechte Licht, sind selbst aber fast unsichtbar. Zeit, das für einen Moment zu ändern und den Menschen hinter der Kamera vorzustellen. Und so sitzt Susanne in meinem Wohnzimmer im Wedding. „Ich habe mir vorgenommen, öfter mal spontan zu sein“, sagt die 35-jährige Münchnerin, die Menschen immer in den Millisekunden fotografiert, in denen sie kurz die Kamera vergessen haben. Im Interviewoo mit wampediboo erzählt sie von meditativer Arbeit und zu viel Esoterikgeschwafel, von emotionalen Krisen und frisierten Pudeln und warum sie in Savasana geheult hat, wie ein Hund.

Wenn man deine Bilder anschaut, hat man immer das Gefühl, die Menschen darin irgendwie erwischt zu haben. Erwischt in einem Moment, in dem sie sich unbeobachtet gefühlt haben. Wie würdest du selbst deinen Fotostil beschreiben?

Es ist immer schwierig, den eigenen Stil zu beschreiben. Aber ich würde sagen: Natürlichkeit.

Und wie schaffst du es, diese Natürlichkeit hinzubekommen?

Ich arbeite für meine freien Sachen meist mit Leuten, die Kameras nicht gewöhnt sind. Fast nie mit Models. Ich will Menschen, die so sind wie sie sind. Man baut dann anders eine Verbindung auf. Ich mag diesen Weg, erst Leute kennenzulernen und zu merken, wie sie dann vergessen.

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Wie meinst du das?

Naja, diesen Weg von „Äääh, die Kamera“ bis zu dem Moment, an dem sie vergessen, dass die Kamera da ist. Und dann bekommt man einen ganz kurzen Blick in die Seele. Das ist das Schönste. Das kann man halt mit Leuten, die nicht andauernd vor der Kamera stehen am besten.

Das klingt aus deinem Mund so sonnenklar. Aber war es für dich eigentlich klar, dass du später mal Fotografin wirst?

Also ich hab schon immer fotografiert, schon als Kind. Ich hab von meiner Mama eine Kamera bekommen – damals natürlich mit Film. Ich hab schon immer gerne Tiere und Menschen fotografiert. Und dann habe ich auch immer schon gern gemalt, war künstlerisch veranlagt. Wahrscheinlich auch weil mein Papa Musiker ist.

Das heißt, du hast dir alles selbst beigebracht?

Nein, ich wollte auf die Kunst-Fachoberschule. Die haben mich aber nicht genommen. Dann hat meine Mama gesagt: So, jetzt musst was Gscheids lernen. Und weil ich auch keine andere Idee hatte – ich hatte immer nur die Kunst im Sinn –, bin ich auf die Fremdsprachenschule und wurde Fremdsprachenkorrespondentin. Da war aber für mich sofort klar: Sprachen – schön. Aber ich will Fotografin werden. Also habe ich mich nach einem Jahr jobben nochmal bei der Kunst-Fos beworben und dann haben sie mich nach einem strengen Auswahlverfahren genommen. Mein Betriebspraktikum habe ich bei einem Fotografenpaar gemacht. Die waren auf Architektur spezialisiert und haben auf Film fotografiert mit Großformatkameras. Die haben mir total viel Verantwortung gegeben – ich durfte Filme einlegen und entwickeln. Das war total schön. Ich war den ganzen Tag im Labor, durfte entwickeln, meine eigenen Sachen machen. Und dort habe ich auch meine erste Spiegelreflexkamera geschenkt bekommen. Dann bin ich nach dem Kunst-Abi ein Jahr nach Australien gegangen mit meiner Kamera. Ich hab da so viel fotografiert – musste mir extra einen eigenen Koffer für die Filme kaufen, die ich dort gleich entwickelt hab. Dann – mit 22 – habe ich eine Fotografenausbildung angefangen.

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Heute ist es ein Klick auf das Handy, ein Filter drüber und schon landet das Bild bei Instagram. Wie unterscheidet sich die Art zu fotografieren heute zu der früher?

Analog fotografiert man auf alle Fälle viel bewusster und ich bin schon der festen Überzeugung, dass es meinem Blick ganz anders geschult hat. Jetzt drückst du drauf, kuckst aufs Display und kannst das Bild einfach löschen. Analog ist das so: 36 Bilder und dann musstest du einen neuen Film einlegen. Da macht man nicht einfach so 2000 Bilder. Ich finde schon, dass jeder Fotograf einmal analog arbeiten soll. Um das Bild wieder zu schätzen. Dennoch bin ich heute auch Fan davon, viel zu fotografieren: Je mehr man fotografiert, desto besser wird man. Aber um das Handwerk zu lernen und den Moment zu schätzen, ist Analog was besonderes.

Vermisst du diese Art zu fotografieren?

Ich würde gerne mal wieder in der Dunkelkammer arbeiten, weil das eine ganz meditative Arbeit ist. Ich hab ihm Kühlschrank auch noch jede Menge filme. Aber ich schaffe es nicht mehr. Leider. Es ist so zeitintensiv.

Susanne Schramke, Monika Ivancan

Susanne Schramke, Monika Ivancan

Susanne beim Shooting mit Monika Ivancan.

Bewusst fotografieren, meditativ arbeiten – du klingst sehr yogisch und dann hast doch oft auch Yogis vor der Linse. War Yoga schon immer ein Teil von dir und deiner Arbeit?

Nein. Gar nicht. Ich habe Yogalehrer und Tänzer erst spät fotografiert. Nach meiner Ausbildung habe ich erst einmal für einen großen Automobilhersteller gearbeitet. Für die habe ich viel gemacht, über Jahre hinweg. Dass ich dabei ganz vergessen hab, eigene Akquise zu betreiben, hab ich erst gemerkt, als ich dann plötzlich keine Aufträge bekommen habe. Die haben die Agentur gewechselt und die hatten andere Fotografen – und ich stand 2016 auf einmal ohne Job da. Das war ein krasses Jahr.

Und so bist du von der harten Welt aus Metall zu den weichen Bewegungen im Tanz und Yoga gekommen?

Ich habe mich in der Zeit dann erstmal auf mich konzentriert und mir überlegt, was ich eigentlich will. Also habe ich mir gesagt: Ich muss jetzt erstmal wieder diese Verbindung finden zwischen Fotografie und den Menschen. Außerdem hatte ich mehr Zeit, die Dinge zu machen, die ich immer mal angehen wollte: mir eine eigene Fotomappe machen oder Tänzer auf der Bühne fotografieren.

Susanne Schramke, Tänzer, Staatsballett

Susanne Schramke, Tänzer, Staatsballett

Hinter den Kulissen beim Staatsballett

Warum ausgerechnet Tänzer?

Tänzer sind wahnsinnig leidenschaftliche Menschen und das ist was, was mich schon immer fasziniert hat, wenn jemand was mit Liebe macht. Egal ob Musiker, Tänzer oder Bäcker. Und dann habe ich beim Staatsballett in München angerufen und gefragt, ob ich mal bei einer Probe fotografieren darf. Das Staatsballett ist wie ein Amt. Die haben sofort gesagt: Das geht nicht, ich soll doch ein Fax schicken. Das war der Moment als ich Instagram zum ersten Mal als Tool genutzt habe, um Leute zu kontaktieren. Da habe ich eine Tänzerin angeschrieben – die hat mir aber nicht geantwortet. Zwischenzeitlich habe ich kleinere Bühnen fotografiert, das war schön, aber ich wollte eben das Große. Ich wollte diese harte Arbeit sehen, Blut, Schweiß. Und daher habe ich der Tänzerin nach einem halben Jahr einfach nochmal geschrieben, obwohl ich Bedenken hatte – ich wollte ja nicht als Freak dastehen. Man steht sich da ja oft selber im Weg.

Dann kam aber eine Antwort?

Ja. Und das war dann so ein bisschen wie damals bei der Kunst-Fos: Da war ich auch froh, dass ich erst später genommen wurde, weil ich das dann ganz anders wertschätzen konnte. Durch sie habe ich dann noch andere Tänzer kennengelernt und so konnte ich letztes Jahr das erste Mal auf der Bühne des Staatsballetts fotografieren. Das war total inspirierend. Die Anspannung und die Arbeit auf der Bühne. Total toll.

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Hartes Metall, schnelle Autos. Weiche Bewegungen, Anspannung und Arbeit auf der Bühne. Und dann weiche, statische Haltungen und meditative Motive: Klingt als hättest du dich, ohne es zu wissen, langsam ans Yoga rangetastet.

Ich hab' durchs Fotografieren Yoga überhaupt kennengelernt. Okay, ich habe Pilates gemacht mit Anfang 20. Aber Yoga noch nicht. Aber dadurch, dass ich Sinah kennengelernt habe, habe ich auch Yoga kennengelernt. Mit ihr habe ich ein Yogabuch fotografiert, nachdem ich sie einfach spontan bei Facebook geadded habe. Nach dem Shooting fand ich Yoga erstmal ganz nett. Als dann auch noch eine andere Yogalehrerin auf mich zu gekommen ist – Amiena, bei ihr habe ich lange Pilates gemacht – bin ich dann doch mal zu ihr in die Faszienstunde gegangen. Aber Yoga war immer noch nicht so das Wahre für mich.

Du scheinst dich lange dagegen gewehrt zu haben...

Ja. Ich dachte mir eigentlich immer: Es ist schön, dass ihr beim Yoga was für euren Körper tut, aber dieses ganze Esoterikgeschwafel – das geht gar nicht. Yoga-Glow und so. Ich bin ein Mensch ich brauche eigentlich Fakten.

Eigentlich?

Naja. Im Mai letztes Jahr hat sich dann mein Freund von mir getrennt, mit dem war ich acht Jahre zusammen und ich dachte, wir werden alt zusammen. Das war emotional 'ne wirklich große Krise für mich. Das war der Moment, an dem ich angefangen hab', Yoga wirklich zu entdecken und wieder in Stunden zu gehen. Da habe ich geheult im Savasana wie ein Hund. Plötzlich kam alles hoch. Die Dinge, gegen die ich mich immer gewehrt habe, sind passiert. Und ich bin überzeugt: Wenn ich das nicht gehabt hätte, hätte ich wahrscheinlich ‘ne Therapie machen müssen. Das alles hat irgendwie auch meinen Blick auf diese ganze Welt verändert. Und deshalb ist es so schön, mit Yogis zusammenzuarbeiten, weil das immer irgendwie die Leute sind, die eine Geschichte haben, das sind nicht so die klassischen Karriereleute.

Was genau hat dir dabei im Yoga geholfen? Die Bewegung? Die Meditation?

Ich glaube beides ging einher. Ich bin super schlecht im Meditieren, im Gedanken abschalten. Ich habe durch die Bewegung erstmal Ablenkung und gleichzeitig eine Routine gefunden. In dem Studio, in das ich gehe, sind ganz tolle Trainer. Nicht über die Maßen spirituell, sondern ganz klar. Mental hat mir Yoga das erste Mal etwas gebracht in einer Yin-Yoga-Stunde. Da dachte ich das erste Mal: „Hä? Wir liegen da bloß rum?“ Beim zweiten Mal war es dann so – und das ist total krass – da hatte ich das Gefühl der Gedankenfreiheit. Ich kann das nur damit vergleichen: Als Kind hatte ich mal eine Vollnarkose – kurz bevor die einsetzt, weißt du zwar, wo du bist, aber du fühlst deinen Körper nicht mehr, alles ist so weit weg, du hast keine Gedanken mehr. Und das hatte ich in der zweiten Yin-Yoga-Stunde. Das war echt krass. Ich hatte das nie wieder danach. Aber immer wenn ich da rausgehe, ist das so ein befreiendes Gefühl. Auch nach jeder anderen Yogastunde.

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Sinah Diepold.

Sinah taucht immer noch sehr häufig auf deinen Bildern auf. Sie hat dich also nicht nur ans Yoga herangeführt, sondern ist auch eine sehr gute Freundin geworden, oder?

Ja. Schon bei unserem ersten Treffen hatte ich gleich das Gefühl, dass wir uns schon ewig kennen. Und klar: Sie ist Model und hat ein tolles Gesicht, das ist natürlich super zum Fotografieren, aber vor allem auch ihre Arbeit als Yogalehrerin macht es einfacher, ein tolles Bild zu machen.

Weshalb?

Bei Tänzern und Yogis ist das irgendwie so: Sie vertrauen einfach und lassen Dinge geschehen. Da muss man gar nicht viel machen oder sagen. Das haben halt Leute, die reflektiert sind und die sich mit sich auf eine gute Art mit selbst beschäftigen und dabei sehr natürlich bleiben.

Das klingt alles sehr schön. Aber hattest du bei deiner Arbeit auch schon mal den Moment: What the f*** – wo bin ich hier gelandet?

Ja. Das war definitiv bei der Weltmeisterschaft des Hundefrisierens. Für meine Gesellenarbeit war ich bei einem Hundecoiffeur am Prinzregentenplatz, dem Nobelviertel Münchens. Und er hat mich gefragt, ob ich bei der Weltmeisterschaft in Dachau Fotos machen und die Bilder an die Teilnehmer verkaufen möchte. Da war ich dann. Und da kommen halt echt Leute aus Australien und reisen nur für dieses Wochenende an, frisieren ihre Pudel und fahren wieder. Irre, oder?

Irre, aber irgendwie auch ganz schön abwechslungsreich dein Job.

Ja. Als Kind wollte ich eigentlich immer Reisefotografin für Zeitschriften werden. Damit ich in viele Länder reisen kann. Das bin ich zwar nicht geworden – aber trotzdem bin ich super viel unterwegs. Das ist total toll.

Hättest du dir das erträumt?

Weiß nicht. Ich habe nie gesagt, in fünf Jahren muss ich da und da sein. Mit Anfang 20 dachte ich: Wow, mit Mitte 30 bin ich voll alt. Da ist schon alles klar. Ich fühle mich überhaupt nicht so, als wäre alles klar. Ich habe nicht das Gefühl, dass ich viel verstanden hab vom Leben. Aber ich bin total glücklich, dass ich jetzt da bin, wo ich bin.

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Schöne Posen, scheinbar perfektes Licht und ein Fotograf ist auch immer dabei: Manche Instagrambilder erwecken den Eindruck als sei das Leben ein Laufsteg. Wie bekommt man schöne Fotos auch ganz ohne perfektes Licht und persönlichen Fotografen hin? Susanne Schramke gibt euch fünf Tipps:

Fünf Blitztipps für gute Instagram-Fotos.

Susanne ist Sinahs gute Freundin und ihre Begleiterin, wenn man so möchte. Denn die Müncher Yogalehrin und Influencerin und die Fotografin arbeiten viel zusammen und machen Fotos. Ich habe Sinah bereits für wampediboo interviewt. Wenn ihr mehr über die yogische Businessfrau erfahren wollt, dann schaut hier vorbei:

Zum Interview mit Sinah Diepold.